Fellnasengeschichten

Im Sommer 2013 tauchte plötzlich eine ziemlich junge Katzendame in unserem Hinterhof auf. Sie war zugänglich und sehr verschmust. Bereitwillig ließ sie sich knuddeln und maunzte ununterbrochen. Ich kaufte eine Dose Katzenleckerlis, welche sie sehr gerne annahm.

Wir wussten nicht, ob die Katze irgendwo davon gelaufen war oder gar ausgesetzt wurde. Denn von da an kam sie regelmäßig zu uns auf Besuch um sich ihre Portion zu Naschen und Streicheleinheiten abzuholen. Sie hatte keine Markierung im Ohr und auch in der Gegend waren keine Zettel ausgehangen, dass eine Katze vermisst wurde. Das war schon seltsam. Auch eine Nachbarin und Katzenliebhaberin kümmerte sich gelegentlich um sie und wir rätselten gemeinsam über die Herkunft dieser hübschen netten Mieze. Und so nahmen wir die Besuche erst einmal gerne an.

Doch dann kam der Herbst und die Besuche von der jungen Damen blieben von heute auf morgen aus. Wir machten uns große Sorgen, ob etwas passiert sei und wie sie denn den Winter überstehen würde. Davon abgesehen hinterließen ihre fehlenden Besuche mittlerweile eine recht große Lücke. Wie sehr hatte man sich doch an ihr liebreizendes Wesen gewöhnt…

Im Frühjahr 2014 sagte auf einmal mein Mann: "Schau' mal zum Fenster hinaus, du hast Besuch!". Unsere kleine Freundin hatte uns also nicht vergessen. Und das Wichtigste: ihr war nichts zugestoßen. Mir viel außerdem sofort auf, dass sie nun ein Halsband trug. Das hieß, sie hatte ein festes Zuhause und war somit den Winter über auch gut versorgt und musste nicht leiden. Ich war sowas von erleichtert! Nun war mir auch klar, dass die hübsche Katzendame in der warmen Jahreszeit einfach auf Streife war, wahrscheinlich auch mit auf Katersuche. Da die meisten hier aber keine Eier mehr in der Hose haben, hat ihr das auch schon von einem erzürnten Exemplar ein paar kräftige hinter die Ohren gebracht, dessen Reviergrenze sie ein kleines Stück übertreten hatte. Es flogen Fellfetzen und ich musste trösten mit Streicheleinheiten und dem Zücken des Futterdöschens. Sie konnte so herrlich jammern und betteln, ununterbrochen "miau, miau, miau"... was ihr dann letztendlich bei mir den Zweitnamen "Frau Miau" einbrachte. Mit dem wurde sie ab da angesprochen und das verstand sie auch nach kurzer Zeit.

Aber auch dieser Sommer verging natürlich und ab dem Herbst stellte sie ihre Besuche wieder ein.

Am 24. Januar 2015 erwartete mich eine große Überraschung, als ich mit dem Auto eine Besorgung machen wollte: als wäre nichts gewesen und keinerlei Zeit vergangen, schlenderte Frau Miau etwa 50 m entfernt von mir auf der Wiese herum. Ich rief und sofort kam sie auf mich zugerannt. Welch' eine Wiedersehensfreude auf beiden Seiten :-) Nach der Inspektion meines Autos erhielt sie ohne Umschweife die gewohnte Zuneigung und üblichen Naschereien. Ich war so erleichtert, dass sie auch diesen Winter bis jetzt gut überstanden hat und ihr nichts zugestoßen ist. Selbst wenn es nicht das eigene Tier ist, vermisst man doch schnell diese lieb gewordenen Begebenheiten und sorgt sich drum. So geht es nun jeden Sommer und Winter und wir wissen mittlerweile auch wohin sie gehört ;-)

Aber im Sommer 2017 geschah etwas Ungeheuerliches, mit dem Frau Miau niemals gerechnet hatte. Ein offenbar unverfrorener und unverschämter Neuling tauchte plötzlich in ihrem Revier auf und ging auch nicht wieder. Was für ein Fauxpass! Da würden mit Sicherheit schwere Zeiten anbrechen. Und da war auch Klarstellung angesagt. Nur wie? Sie gehörten ja nun Beide für immer hierher. Oh mann, so war das ursprünglich mal nicht gedacht, aber seht nun erstmal selbst, um wen es sich da handelt....

Eine Nachbarin holte dieses "Sorgenpfötchen der Woche" aus der Station "Tiere in Not e.V." zu sich. Das arme Wüstchen hatte schon vier Vorbesitzer. Nur warum? So eine hübsche und total freundliche Katzendame...irgendwie unverständlich.

Nach vierzehn Tagen Eingewöhnung durfte Frau Lotti das erste Mal ins Freie. Sie war wirklich sehr schüchtern, jeder Schritt erfolgte wohlbedacht, an jedem Blümchen wurde geschnuppert und die Umgebung ganz langsam erkundet. Es gab ja so viel was in der Gegend herumstand. Zum Beispiel Bänke, kann man drauf und drunter. Und eine Frau mit Fotoapparat lief herum. Hab' mal ganz hübsch getan, kann ja sein die ist lieb und lässt ein Leckerli für mich springen. Alles ziemlich neu und aufregend. Ob ich hier bleiben darf?

Und dann kam es wie es kommen musste...die beiden Katzendamen trafen aufeinander! Anfangs ging hier auch wirklich gar nichts. Frau Miau war schlichtweg entsetzt, sie war ja eher da. Aber Frau Lotti gehörte nun auch mit hierher. Was war das für ein Gezanke und Gefauche, zum Glück flogen wenigstens keine Fellfetzen. Aber Frau Lotti konnte es selbstverständlich nicht mit ansehen, dass Frau Miau immer Leckerlis bekam und wollte natürlich ebenfalls etwas davon ab haben. Und so musste man sich irgendwie arrangieren. Was blieb auch anderes übrig? Tja...und so wurden nach anfänglichem Gezicke aus zehn Metern Mindestabstand nach und nach geduldete zwei. Natürlich nicht jeden Tag, aber manchmal kann man ja ein Auge zudrücken. Ist auch nicht mehr so langweilig, aber ob das noch "dicke Tinte" wird...?!

Heute ist es wieder sehr warm. Deshalb ist abhängen im Hof angesagt. Doch man muss immer ein bisschen auf der Hut sein und lauschen und schauen, was um einen herum so vor sich geht. Es könnte ja sein, dass bei diesem Wetter die Frau Miau wieder unterwegs ist. Gar nicht richtig zu Ende gedacht, kam ein verdächtiges Geräusch aus der Nähe. Schnell hoch und schauen...

Habe ich es mir doch gedacht: Frau Miau im Anmarsch, war ja klar. Jetzt hieß es, sich eine gute Strategie überlegen. Man weiß ja auch nie, ist bei ihr heute gute oder eher schlechte Laune angesagt. Wie weit kann ich sie ärgern? Naja, egal, ich schleiche mich jetzt mal großräumig von einer ganz anderen Seite an sie heran und teste aus, wie weit ich gehen kann....

Frau Lotti glitt ganz galant durch eine Zaunslücke und pirschte sich Stück für Stück an Frau Miau heran. Und dann ging es mal wieder los: während Frau Lotti aus lauter Jux und Tollerei Scheinangriffe in Richtung Frau Miau startet, springt Frau Miau der Frau Lotti schon mal einfach so in die Flanke rein. Die Frau Lotti sieht das Ältere aber zum Glück eher gelassen, aber die jüngere Frau Miau kann sich herrlich aufregen. Es ist wirklich manchmal ein Schauspiel! Und die Frau Miau ist bisweilen ganz schön verstört und versteht die Welt nicht mehr. Die eine Haustüre ist einfach tabu. Das zeigt auch die Frau Lotti: hier gehöre ich her, hier bin ich jetzt Daheim.

Das Interessante dabei: als Frau Lotti einmal für eine Woche im Urlaub war, stand Frau Miau wartend vor ihrer Türe und völlig verunsichert, wo denn ihre Raufkumpanin nur hin ist. Da scheint wohl doch ein Stück weit Sozialkompetenz angelegt zu sein bei den beiden Damen! Aber trotzdem ist bis heute nicht ein Tag wieder der andere. Einmal sitzt man friedlich zusammen beim Grillen mit der einen miezenfreundlichen Nachbarsfamilie und andermal haut man sich wieder durch die Gärten jagend die Hucke voll. Dass dabei Fellfetzen geflogen wären, kam aber zum Glück nie vor....;-)

Eines Abends, Frau Miau war auch da und die Sonne ging langsam unter, da wurde plötzlich alles uninteressant um Frau Lotti herum. Von Weitem entdeckte sie im Regenwasserablaufrohr an einer Gartenlaube offensichtlich ein Mäuschen. Sie schoss wie eine Rakete über die Wiese, hoch auf das Dach des Gartenhäuschens und nach vorn zur Öffnung des Rohres. Dort schaute und überlegte sie nun, nachdem das Mäuschen die Lage wohl erkannt hatte und weit genug darin verschwand, was wohl am besten zu tun sei:

Wie komme ich an mein Abendessen heran? Wo genau ist es denn jetzt? Ich habe es doch von Weitem ganz genau gesehen! Irgendwo hier drinnen muss es doch sein. Ich kann schauen wie ich will, ich sehe es einfach nicht. Ich fasse mal rein...nein, auch nichts.

Vielleicht das Rohr mal umfassen? Bringt auch nichts. Das gibt es doch alles gar nicht, das darf doch nicht wahr sein! Wo ist sie nur hin, wo kann sie sein? Wie komme ich da ran? Es muss doch eine Möglichkeit geben. Wirklich...ich habe sie doch vorhin ernsthaft gesehen! So ein Mist, es klappt einfach nicht. Pech, vielleicht ein andermal!


So ungefähr zweimal im Jahr kommt dieses hübsche schwarze Teufelchen irgendwo aus weiterer Nachbarschaft auf Besuch. Er war sogar schon mal die Wohnung der miezenfreundlichen Familie inspizieren, hat sich ziemlich heimisch gefühlt. Und Leckerlis hat er auch nicht verschmäht. Ein wirklich hübscher Kater. Aber wehe er wird von den Katzendamen entdeckt. Da verstehen sie wirklich keinen Spaß, Kerle finden sie voll blöd.

Da wird gezickt und gefaucht als gäbe es kein Morgen. Dann muss er wieder von dannen ziehen. Traut sich ein halbes Jahr lang nicht mehr vorbei, bis er dann doch mal wieder allen Mut für einen kleinen Ausflug zusammen nimmt und hier für kurz bei uns auftaucht ;-)


Und nun zu guter Letzt noch ein paar ausgewählte Fotos von den Katzendamen: